Francesco Clemente

Francesco Clemente
Anfang Juni - Ende September 2010

 

Mit dem Vorhaben, auf zwei Seiten über das Werk Francesco Clementes zu schreiben, verhält es sich ähnlich wie mit der bekannten Metapher von der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Auch bei Clemente scheint es sinnvoller, die Gedanken auf andere Themen, als auf die Findung einer Lösung zu lenken, denn bei beiden taucht erst nach zahlreichen Umwegen eine Vorstellung von Erkenntnis auf, die aber keineswegs als Lösung verstanden werden kann. Schon Henry Geldzahler gibt in seinem Katalogtext „Clemente in Basel“, der 1991 von der Galerie Beyeler herausgegeben wurde, im ersten Satz zu bedenken: „viele Leute und manche Kunstkritiker sehen es anscheinend als eine Notwendigkeit an, die vielschichtigen Bilder Francesco Clementes zu „lösen“, obwohl sich in seiner ihm eigenen Art der Erkenntnis beziehungsweise der Wahrnehmung der Dinge keine Anleitung für die Entzifferung seiner Werke finden lässt“. Dies illustrieren auch einzelne Titel seiner 1992 entstandenen  „Canosa Serie“, wie „Earth“, „Idol“, „Hour“, „Illumination“, „Compass“ oder „Moon“, in denen keine eindeutig sichtbaren Verweise auf die Bedeutungsebenen dieser Pastell-Arbeiten zu erkennen sind.

 Bei Clemente scheint die Intuition sinnstiftend für die metaphorische und symbolische Durchlässigkeit von Inhalt und Bedeutung seiner Werke zu sein.  Diese stellen nicht Chiffren, die es zu entziffern gilt, dar, sondern Chiffren, die in ihrer Ausdrucksweise eine ritualisierte Selbstverständlichkeit besitzen, die alles zeigen und nichts verbergen. Gleichzeitig lassen sie sich nicht auf das, was sie sind, reduzieren, weil ihre Durchlässigkeit das Abwesende – nicht das Verborgene – beinhaltet. Wer auch immer bei Clemente mit Entziffern oder, den gegebenen Umständen seines Werkes entsprechend, mit psychoanalytischem Aufdecken beginnt, gerät rasch ins Unverbindliche.

 Clementes Bildsprachen sind derart vielfältig und ambivalent, dass es, ähnlich wie bei Joseph Beuys, sinnvoll erscheint, statt nach einer Lösung zu suchen, sich von der Atmosphäre der Bilder inspirieren zu lassen, um so, nach und nach ein Verständnis für deren Inhalte zu entwickeln. Dadurch ist zwar noch immer keine Lösung gefunden, aber dennoch die Möglichkeit eines Weges zur Werkannäherung gegeben. Mir ist durchaus bewusst, dass sich ein solches Vorgehen nicht einfach umsetzen lässt und sich je nach Individuum unterschiedlich ausbildet, und dennoch schlage ich als Weg die biographische Verortung und die Beschreibung vor, da sie mir ermöglicht, mich immer wieder neu und anders von Clementes Werk faszinieren zu lassen.

Francesco Clemente wurde 1952 in Neapel geboren. Der Spross einer adligen Familie mit humanistischer Gymnasiumsausbildung begeistert sich früh für die Malerei des 16. Jahrhunderts und die Werke von Luca Giordano, Solimena und Andrea Vaccaro. 1970 zieht er nach Rom, wo er kurze Zeit Architektur studiert, Cy Twombly sowie Alighiero Boetti kennen lernt, die beide seine künstlerischen Anfänge beeinflussen. 1973 fährt er zum ersten Mal nach Indien, 1977 lebt er ein ganzes Jahr dort und setzt sich mit dem Hinduismus und Hindi auseinander. Bis 1978 entstehen zahlreiche Zeichnungen mit abstrakten Symbolen und mit Figuren, die an Schriftzeichen angelehnt sind. Diese Ideogramme bilden die Grundlage des visuellen Vokabulars, das der Künstler in den folgenden Arbeiten entwickelt. Clemente gehört der von Achille Bonito Oliva kunsttheoretisch begründeten Bewegung „Transavanguardia“ an, zu der ausserdem Künstler wie Jannis Kounellis, Sandro Chia, Enzo Cucchi, Nicola de Maria und Mimmo Paladino zählen. Diese Bewegung charakterisiert sich durch einen subjektiven Eklektizismus, in dem sich die Künstler wieder einer klassischen Bildsprache wie der Tafelmalerei zuwandten. Mythologische Themen, die Rezeption historischer Quellen und archaischer Artefakte sowie eine expressive Farbigkeit zielten auf eine Grenzziehung zum kunstgeschichtlichen Exkurs der romanisch geprägten abendländischen Kulturtradition.

1981 zieht Clemente nach New York wo er seither mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt. Er lernt dort Henry Geldzahler, Allan Ginsberg, Morton Feldman, John Giorno, William Burroughs, aber auch Andy Warhol, Jean Michel Basquiat und Brice Marden kennen, mit denen er auch zusammen arbeitet. Bald stellen sich international wichtige Ausstellungen in den USA und Europa ein. In regelmässigen Abständen hält er sich immer wieder in Indien auf.

Kurzgefasst einige Beschreibungen von Werken in der Ausstellung: Zwei gelbe Akte mit gespreizten Beinen, die von dahinterstehenden Figuren an den Schultern gehalten werden, ein Bild mit einer Ellipse mit daraus herauslodernden Flammen, rechts daneben eine Person, aus der eine weitere Person herauszuwachsen scheint, rote Objekte in einer Schüssel, darunter braune Anhäufungen, darüber eine blauweisse Fläche. Köpfe mit offenen Mündern, mit geschlossenen Augen, mit den Händen vor dem Gesicht,  ein gestreckter Finger, daneben ein Kopf an dessen Haarspitzen ein Mensch hängt. Menschen die sich gegenüber stehen, einer der dem andern einen Arm ins Ohr schiebt. Diese Hinweise auf Motive in den Bildern Francesco Clementes machen deutlich, dass eine Auflösung der Bilder unrealistisch wäre. Denn was zu sehen ist, ist in seinen Bedeutungen zu polyvalent und über weite Strecken derart interkulturell, dass präzise Zuweisungen gar nicht möglich wären.

Jean-Christophe Ammann zitiert am Schluss seines Textes „Francesco Clemente und Indien“ das Gedicht „The Paradigm“ von Nammalvar (880-930), das präzise seine Kunst umschreibt: „We here and that man, this man, and that other in-between, and that woman, this woman, and that other, whoever, those people, and these, and these others in-between, this thing, that thing, and this other in-between, whichever, all things dying, these things, those things, those others-in-between, good things, bad things, things that were, that will be being all of them, he stands there.“

Simon Baur